Pfr. Thomas Heim

Pfr. Thomas Heim

Biblisches Wort zum Tag (Die Herrnhuter Losung)

Dienstag, 15. Februar 2011

Mein Kommentar zum Gesangbuch

Meine persönliche Einteilung der Lieder des reformierten Gesangbuchs der deutschsprachigen Schweiz. Das Dokument ist als Arbeitshilfe für die Vorbereitung von Gottesdiensten und der damit einhergehenden Auswahl von Liedern gedacht. Viel Spass damit!
http://www.scribd.com/doc/48904605/Das-RG#

Dazu kommt noch eine Übersicht über die vertretenen Psalmlieder und Psalmlesetexte im Gesangbuch. Damit die Reformierten sich wieder stärker mit den Psalmen befassen ;-)
http://www.scribd.com/doc/48904608/Ubersicht-Psalmen

Mittwoch, 2. Februar 2011

Zum Kirchensonntag: ein Gedanke zur Arbeit in der Kirche

Ich danke Lucien Boder für den schönen Schlusspunkt im SEK bulletin 3/2010.
Freiwilligenarbeit: Antwort auf Gott
..Es ist wichtig, dass unsere Kirche einladend und missionarisch ist, den Dialog pflegt und Interesse weckt.

Aus meiner Sicht entspringt alle kirchliche Arbeit, auch Freiwilligenarbeit und überhaupt das Leben als Christ aus dem Erlebten und Gehörten Handeln Gottes in dieser Welt (vom biblischen Volk Israel über Jesus bis heute). Darum ist alles Engagement ein Zeugnis dafür, dass Gott diese Welt liebt. Der soziale "Gewinn" für die Gesellschaft oder der Nutzen ist nicht Hauptziel, sondern Zeichen des Segens, der darauf liegt. Würde dieser Nutzen aber als alleinige Quelle angesehen werden, warum die Arbeit zu tun ist, verliert die Tätigkeit ihren Zeugnischarakter, diese "kirchliche" Arbeit würde nicht mehr auf dem Grund des Evangeliums geschehen. Es gibt auch säkulare soziale Arbeit. Schliesslich ein Präzisierung: Missionarisch heisst deshalb für mich nicht bekehrend, sondern bekennend und zeugnishaft Leben, den Rest überlassen wir getrost dem Heiligen Geist.

Samstag, 8. Januar 2011

Hallo zäme!
Endlich wage ich mich wieder an einen Blogeintrag. Ich habe verschiedene Texte zur aktuellen Situation und Zukunft der Kirche zusammengestellt und möchte damit eure Gedanken anregen und zur Diskussion herausfordern - wagen wir uns an die Gestaltung der Zukunft, den Menschen und Gott zuliebe ;-)

Was macht die Kirche, wenn sich die Gesellschaft verändert?
Eine Volkskirche innerhalb einer bürgerlich geprägten Gesellschaft nimmt in ihrer Kasualpraxis die Funktion der öffentlichen Religion wahr. Sie vermittelt zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre der Gesellschaft und verzichtet darauf, die religiöse Motivation der Teilnehmenden auf ihre Christlichkeit zu befragen… Die Kirche nimmt mit ihrer Kasualpraxis einen Dienst in der Gesellschaft wahr, der sie in einen spannungsreichen Gegensatz zu ihren eigenen religiösen Intentionen bringen kann. Bislang ist noch nicht abzusehen, welche Veränderungen auf die kirchliche Kasualpraxis zukommen werden, wenn die Kirche einmal nicht mehr »Volkskirche« und die soziale Lebenswirklichkeit nicht mehr »bürgerliche Gesellschaft« sein sollte.
aus Reformierte Liturgie

Andreas Zeller, Editorial im Jahresbericht der RefBeJuSo 2009
Die Gemeinde und ihre Gottesdienste sind Orte der Kommunikation des Evangeliums, der Belehrung und Beratung der Gewissen, nicht aber der politischen Aktion. Die einzelnen Christen entscheiden aus ihrem Glauben
und Gewissen im politischen Prozess…Die offene Volkskirche ist heute gesellschaftlich
enorm präsent. Aber sie hat bei vielen Theologen,
Pfarrerinnen, Mitgliedern von Kirchenleitungen wie
auch bei engagierten Laien keine gute Presse. Man
tut immer so, als müsste es anders sein, der Glaube
eindeutiger, die Moral verbindlicher, die kirchliche Botschaft klarer. Die Kirche steht nicht zu der von ihr faktisch praktizierten Liberalität. Sie bekennt sich nicht zu ihr und arbeitet auch viel zu wenig für deren theologische Begründung. Hier muss ein Umdenken stattfinden! Wir haben heute zwischen verschiedenen Arten kirchlicher Gemeinschaften
und Gemeinschaftsformen zu unterscheiden. Und das komplexe System Volkskirche muss diese in sich zulassen, wenn es nicht zerbrechen will. Fundamentalistischer Wortglaube, evangelikaler Wahrheitsabsolutismus, pfingstlerisches Charismatikertum, anwaltschaftliches Einstehen für Benachteiligte und die Umwelt sowie volkskirchliches Kasualchristentum stellen unterschiedliche Ausprägungen eines real existierenden Christentums dar, welche
die Kirche geradezu zwingen, offen zu sein. Will sie nicht auseinanderfallen, so braucht sie einen religiösen Liberalismus, der die Freiheit der anderen zum religiösen Anderssein achtet…
Es dominiert eine moderate, liberale Christlichkeit, welche die Kirche als religiöse Sinnlieferantin im Hintergrund ihres Lebens nicht
missen möchte, aber sie nur gelegentlich aktiv in Anspruch nimmt. Die gelebte Religion bewegt sich überwiegend im Trend einer undogmatischen Spiritualität.

Aus dem Protokoll der Sommersynode 2010 der Ref. Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Kordula Bertholet, Biel zum Editorial:
…Die Landeskirche ist nach ihren Worten ein komplexes System. Auch wir bejahen die Meinungsvielfalt. Diese Landeskirche darf aber nicht zu einem blinden Führer von Blinden werden. Auch wir in der GOS sind für eine offene Kirche. Aber Offenheit darf in keiner Weise zur Beliebigkeit werden. Jesus hatte vom Salz der Erde gesprochen. Lassen wir es nicht fade werden.

Eine kritische Stimme zum christlichen Leben in der Schweiz (Christian Schneider, Projekt onesimo.ch Schweiz-Philippinen)
In der Schweiz stellen wir eine gewisse Einseitigkeit in der Verkündigung fest. Gemeinden lehren, wie man Christ wird, aber kaum, wie man als Christ bedeutungsvoll leben soll. Der christliche Lebensstil beschränkt sich bei vielen auf Rituale wie Gottesdienste, Jugendgruppen, Hauskreise…Viele in der Schweiz nehmen die eigene Bedürftigkeit kaum mehr wahr, da Reichtum und Erfolg satt und träge machen. Die Botschaft von Jesus Christus anzubringen, ohne zu moralisieren, fordert heraus.

Persönliche Anmerkung (T.H.)
Ist diese Tendenz auch unter Reformierten verbreitet, in der Form der sogenannten Kasualchristen? Ein “christliches Leben“, das sich nicht auf eine nachhaltige Lebenspraxis, sondern die punktuelle Teilnahme an Kasualien und Sakramenten bezieht. Die immer noch verbreitete Feier der Abendmahls nur an den aus dem Mittelalter stammenden Hochfestterminen trägt nicht zum tieferen Verständnis dieses glaubens- und gemeinschaftsfördernden Sakraments bei. Woher nehmen wir unsere Normen und Massstäbe, was christliches Leben ist?
Wenn der Glaube gelebt und am persönlichen Leben in Gemeinschaft Anteil genommen wird, lebt die Kirche nicht nur am Sonntag. Die Fragen an den Glauben werden fassbarer und beziehen sich auf Lebenserfahrungen und –widerfahrnisse. Aus dem Dialog des Lebens mit der Schrift entsteht Christentum, nicht aus dem abstrakten Dialog von Verstand und Schrift, wobei Ersterer nicht ohne Verstand erfolgt.

Kirchliche Trends
1. Da die Kirchen durch die abnehmende Zahl an Christen insgesamt an Bedeutung verlieren, nimmt auch die Trennschärfe zwischen den einzelnen Konfessionen an Wichtigkeit ab. In Zukunft wird die Trennlinie zwischen nichtchristlich und christlich verlaufen. Auch sind vermehrt Kooperationen zwischen den Kirchen/Gemeinden angezeigt.
2. Die Mobilität führt zu Zielgruppen-Gemeinden. Abgesehen vielleicht von Familien mit kleinen Kindern und älteren Menschen, wird es zur Gewohnheit zum Arbeitsplatz oder zu freizeitlichen Aktivitäten weit zu fahren. Wenn eine Kirche attraktiv erscheint, werden auch weitere Anfahrtswege in Kauf genommen.
3. Die Gemeinde wird nach Geschmack gewählt. Es findet eine Selektion hinsichtlich Stil, Musik, Gottesdienstgestaltung und –zeit, Freundeskreis/Beziehungen statt.
4. Gemeindediakonie wird wieder entdeckt. Leitfragen: Wo sind wir Christen für die Nachbarschaft eine Hilfe? Erreichen wir nicht sogar Kirchenfremde am ehesten, wenn wir im sozialen Bereich etwas anbieten?
5. Auswahlchristentum und Picker-Christen ohne feste Gemeindebindung je nach attraktivem Angebot. Veranstaltungs- und weniger Beziehungsbezogen oder eher kurzfristig als längerfristig orientiert.
6. Kleine Gemeinschaften sorgen für Verbindlichkeit. Hauskreise, Minigruppen, Kommunitäten, gemeinsames Gebet und persönlicher Austausch mit gegenseitiger Begleitung (Rechenschaft ablegen).

Zur Ökumene – oder wie es um die Verbundenheit unter Christen weltweit steht. Frage: Wie ist das in der Schweiz?
Die Welt.de vom 24.12.2010
Zur Reaktion auf die Gewalt an Christen im Irak
Und auffällig war auch, dass insbesondere Kirchengemeinden, die sich der friedensstiftenden Zusammenarbeit mit Moscheegemeinden verpflichtet sahen, das Thema verfolgte Christen partout nicht anfassen wollten...Um Muslime – die hier in Deutschland ziemlich ungestört ihrem Glauben nachgehen können – nicht in Verlegenheit zu bringen oder gar zu brüskieren, verzichtet man darauf, den Angehörigen des eigenen Glaubens beizustehen. Es gibt eine Art von interkultureller Versöhnungsarbeit, die aus Respekt oder Angst vor dem Anderen das Eigene missachtet. Das ist nicht mutig, sondern feige.
www.welt.de/debatte/article11805258/Wir-achten-unsere-eigenen-Traditionen-nicht.html

„Sichtbare“ Einheit der Kirche nach Calvin
So ist nach Paulus die Vollendung der Kirche darin zu sehen, dass die Gläubigen untereinander durch einen Geist verbunden sind…Deshalb mahnt er die Gläubigen, in Christus hineinzuwachsen; denn er ist das Haupt, von dem aus der ganze Leib durch sämtliche Gelenke zusammengehalten wird; gemäss der Wirksamkeit, die jedem Glied zugemessen ist, wächst er zum Zwecke des Aufbaus.
(Auslegung des Evangeliums nach Johannes 17,21, zitiert im Bericht des Reformierten Weltbundes, Von Accra und Utrecht nach Grand Rapids, S. 9)

Aus dem Interview mit Thomas Schlag, SEK bulletin 2/2010

Was ist das Image bei kirchennahen Menschen?
Die Kirche ist im doppelten Sinn bemüht. Sie be-
müht sich darum, Reformprozesse anzustossen und Menschen in ihren Gemeinden anzusprechen. Das wird aber nicht selten von den Beteiligten selbst als mühevoll empfunden. Das Mitwirken in der Kirche wird viel zu selten als lustvolles Ereignis angesehen.
Vieles ist ein bisschen sehr schwer.

Soll Kirche lustvoll sein?
Ich hoffee doch. Kirche sollte ein Ort sein, von
dem Menschen sagen, dass sie sich gerne dort aufhalten, weil eine bestimmte Atmosphäre herrscht: Gesel-
lig im guten Sinn, durchaus intellektuell, aber auch fröhlich und feiernd. Kirche müsste als etwas Lebensdienliches erscheinen, im ernsten und im leichten Sinn. Das erleben viele nicht so.

Wie sehen Sie persönlich die reformierte Kirche?
Sie steht in einer Marktsituation mit ernst zu neh-
mender Konkurrenz. Sie hat den Vorteil, dass sie auf eine lange Tradition zurückgreifen kann. Fragt sich allerdings, ob die Tradition noch immer für sie spricht oder nurmehr Vergangenheit darstellt. Ich sehe viele ernsthafte Versuche von Pfarrerinnen und Pfarrern, neue Wege zu gehen, um die Menschen zu erreichen− zum Beispiel, in der Konfirmationsarbeit. Ich sehe
aber auch Überforderung, weil sich die Zielgruppen ausdifferenzieren und die Milieus auseinanderdriften.
Das ist von einer einzigen Person oder von einem kleinen Team nicht zu leisten. Ich sehe Grenzen in den bisherigen kirchlichen Strukturen.

Die Menschen sind heute nicht weniger religiös als
früher, das belegen Studien. Warum schafft es die
reformierte Kirche nicht, das Bedürfnis nach
Spiritualität zu befriedigen?
Die Kirche hat mehr Verbindlichkeitscharakter als dies für alternative Spiritualitätsformen gilt. Denn das Individuum ist theologisch gesprochen eingebunden in eine Idee von Gemeinschaft, auf die man sich einlassen muss.
….Doch Taufe bedeutet auch, hinein getauft werden in eine Gemeinschaft. Mit dieser Zugehörigkeit über die eigenen privaten Wünsche hinaus tun sich viele Menschen schwer.
Wie soll die Kirche damit
umgehen?
Man muss Menschen, die ihre eigene Spiritualität suchen, so viel Raum geben, dass sie ihre eigene Form innerhalb der Kirche leben können.

Man muss die Mitglieder pflegen.
Wie?
Zum Beispiel mit einem Besuchsdienst. Wenn je-
mand frisch zuzieht, soll er einen Brief bekommen, in dem ein Anruf angekündigt wird, der einem Besuch vorausgehen kann. Oder was in meinen Gemeinden immer für Aha-Effekte gesorgt hatte, waren Geburtstagsbriefe. Nicht nur an die 88jährigen, sondern an den, der volljährig wird, an den Dreissigjährigen und so weiter. So signalisiert man: Ich nehme Dich wahr.

Wir haben keine vergleichbare Freiwilligen-Kultur (wie in den USA)!?
Da braucht es einen Mentalitätswechsel. Die Volkskirche als Versorgungskirche funktioniert in Zukunft nicht mehr. Wenn die Zahl der Reformierten so abnimmt
wie in den letzten fünfzehn Jahren, dann werden wir nicht nur zur Minderheitenkirche, sondern die bisherigen Strukturen trocknen aus. Das sehen wir ansatzweise bei den kaum steigenden Studierendenzahlen, bei der Mitgliederentwicklung, an manch grossen Kirchgebäuden, die kaum noch regelmässig für Gottesdienste genutzt werden. Kirche kann nur weiter existieren, wenn die Menschen sich verantwortlich fühlen für sie und mitmachen. Das ist auch biblisch: Kirche wird auf allen Schultern getragen, nicht nur von Funktionären und Angestellten – und dies hoffentlich aus innerem Antrieb. So finde ich es problematisch, wenn etwa das Vertragen des Gemeindebriefes oder ehrenamtliche Arbeit überhaupt mit Lohn
bezahlt wird.

Was ist das Evangelium? – Eine Kurzfassung Martin Luthers
Nicht um die Evangelien, sondern um das Evangelium, um Gottes Verheissung, gute Botschaft, gute Märe, gute neue Zeitung, gut Geschrei, gehe es, so Luther. Dieses singularisierte weil singuläre Evangelium, die Frohbotschaft von der Erlösung, Lebendig- und Gerechtmachung, der Friedensstiftung ohne all unser Verdienst und Würdigkeit, ist der Kern des neuen Testaments, ja ist das neue Testament selbst.
Zur Bestimmung der Apostolizität
Und darin stimmen alle rechtschaffenen heiligen Bücher überein, dass sie allesamt Christum predigen und treiben. Auch das ist der rechte Prüfstein.
Aus Bibel und Bildung von Thomas Kaufmann

Peter Bichsel
Bichsel beklagt die Reduktion des Christentums auf Moral und Ethik, und er klagt die Kirche an, eine «halbstaatliche Anständigkeitsinstitution» zu sein. Grundsätzlich sei das Christentum eine revolutionäre Idee und Christus ein Neuerer. Aber: «Die Rebellion, die Revolution, die
Opposition und die Alternative lassen sich offenbar nicht institutionalisieren.»


Medienarbeit
Die Medien interessieren sich für Themen, wenn religiöse Aspekte und Glaubensfragen mit anderen irritierenden gesellschaftlichen Perspektiven verknüpft werden. Die narrative Struktur journalistischer Geschichten ist zu berücksichtigen. Persönlichkeiten und Köpfe dienen der Identifikation einer Botschaft.
Zielgruppenarbeit, Einsatz verschiedener Kommunikationsmittel, sich melden und bei persönlichen positiven Kontakten anknüpfen Jahrestage Konfirmation, Hochzeit.

Neues Handeln und neue Sozialformen von Kirche
Neben der Sonntagspredigt braucht es offensivere, kreativere und dialogischere Formen auf Menschen zuzugehen. Andere Sprache und neue Formen des Kircheseins werden verlangt. Es fragt sich nur, ob die Kirchen und Gemeinden bereit sind, diesen Entwicklungen Raum und Wertschätzung zu geben.

Kirche am Markt
Verrät die Kirche ihren Auftrag, wenn sie sich an den Gesetzen des Marktes orientiert – Dialog Marketing-Theologie
In den ersten Gesprächen waren es vor allem die Vertreter des Lehrstuhls Marketing, die immer wieder danach fragten, was denn
die Kirchen erreichen wollen, was ihre Ziele seien. Auf dem Markt – das haben wir damals
vom Marketing gelernt – kann nur bestehen, wer ein originäres Angebot hat. Nicht wer auf den Markt schielt, reagiert marktangemessen, sondern wer sein Angebot dort erkennbar macht. Nur wer etwas zu bieten hat, kann auf dem Markt bestehen.
Allerdings ist dieses Bestehen auf dem Markt eine
schwierige Angelegenheit. Es bedeutet im Grunde ein Wechsel der Perspektiven. Die Kirchen können nicht mehr als Monopolisten in Sachen Religion agieren, sondern müssen sich an der Kundenresonanz ihres Angebotes orientieren. Das heisst: Nicht die Kirchenleute und die theologischen Fachpersonen definieren
die Bedeutung kirchlichen Handelns, sondern die Menschen, die dieses Handeln in Anspruch nehmen, sei es passiv, sei es mit aktiver Mitbeteiligung oder eine Mischung aus beidem. Doch ist das dem Selbstverständnis protestantischer Kirchen so fremd? Eigentlich nicht. Dass die Definitionshoheit nicht in den
Händen des Priesterstandes liegt, sondern dass das «allgemeine Priestertum der Gläubigen in Geltung steht», um eine bekannte Formulierung aus dem Traditionsbestand des Protestantismus aufzunehmen, ist Protestanten vertraut.
Wobei anzumerken ist, dass die Bezeichnung allg. Priestertum eine gewisse Erfahrung im Glauben und Grundkenntnisse des Glaubens voraussetzt. Sind die Mitglieder unserer Volkskirchen für das Priestertum ausgerüstet worden?
Nicht nur die Kundenresonanz ist Kriterium sondern sie soll zusammen der Bibel den Massstab bilden, an dem die Lehre und das Leben, Inhalt und Methode der Kirche überdacht werden.
Die Kundenorientierung kann ersetzt werden durch die Liebe zu den Menschen, auch diese Liebe interessiert sich für die Befindlichkeit und die Probleme der Menschen, zielt aber letztlich auf mehr als den Verkauf eines Produktes.

Zur Glaubensbekenntnisdiskussion
Das Glaubensbekenntnis enthält eine in erster Linie persönliche, aber auch eine gemeinschaftliche ethische Dimension. Was bin ich so zu verteidigen bereit, dass mein Leben da-
von abhängt? In wessen Namen sind wir bereit, uns zu verpflichten, nötigenfalls auch in Absetzung von herrschenden Ideologien?

Für viele ist Geld der oberste Massstab, an dem sich der Wert eines Menschen misst. Man beurteilt seine Freunde, seine Partnerschaften, Menschen, die einem begegnen, nach diesem Massstab – und schliesslich auch sich selbst. Schwieriger zu erfassende menschliche Werte fallen unter den Tisch. Es ist ein subtiler Prozess, der da abgeht. Man merkt nicht, wie dieses Denken von einem Besitz ergreift. Plötzlich findet man nur noch Leute interessant, die Kohle und Macht haben.
Die Mehrzahl der Banker rechnet sich aus, was sie auf der Seite hat. Dann werden Annahmen über Verzinsung, Lebenshaltungskosten und Lebenserwartung getroffen. Damit kann man ein schönes Finanzmodell aufbauen und weiss: Am Tag X habe ich es geschafft, dann kann ich austreten, brauche nicht mehr zu arbeiten.
Rudolf Wötzel, Ex-Bankfachmann

Arbeitswelt als Entfaltungsort des Glaubens (nicht nur Mission und Gemeindearbeit)
Liebe Gemeindeleiter! Die Zurüstung zum Dienst ist eine der Hauptaufgaben der Gemeinde. Die Geschäfts- und Führungsleute haben viele Gelegenheiten, Menschen zu prägen. Dazu brauchen sie Ermutigung, Gebet, aber auch Hilfe und Inputs. Es braucht Gruppen, in denen gegenseitige Ermutigung geschieht.
Stefan Jakob, vitaperspektiv.ch
Ethik und Wirtschaft von Wolfgang Huber:
Verantwortung für die eigene Mitarbeiterschaft
Aufbau von langfristigem Vertrauen zwischen Wirtschaftspartnern, Fairness im Umgang mit Konkurrenten
Bereitschaft zur Verantwortung für das Gemeinwesen
Vertrauen ist unerlässlich und wird gefördert durch Anstand/Konventionalität, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Gewinnorientierung mit Augenmass
Wertschätzung, respektvoller, achtsamer Umgang, offene Kommunikation ist eine unentbehrliche Quelle der Wertschöpfung
Die Wirtschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorbringen kann. Wirtschaftlicher Erfolg verpflichtet deshalb zu gesellschaftlichem Engagement, Sozialpflicht von Eigentum bzw. Gewinn
Wolfgang Huber

In unserer Gesellschaft herrscht eine extreme Absicherungsmentalität vor. Wir bleiben in der Komfortzone und sichern uns durch bescheidene Zielsetzungen ab gegen den Misserfolg. Wer wenig erwartet, erlebt keine grossen Enttäuschungen – aber auch keine Höhenflüge. Robert Lauber, Mentaltrainer

Montag, 18. Mai 2009

Predigt zur Konfirmation der Klassen 9a/9c Pestalozzi 10.5.20099

Einleitung: Wie die Themenfindung geschah

Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Dä Satz hei viu vo euch Konfirmandinne useghört, wo mir i dr Konfvorbereitig üses Thema usegsuecht hei. Das mit Hilf vonere biblische Gschicht, nämlech mitem letschte Teil vo dr Passionsgschicht vom Evangelist Lukas. Dr Lukas verzellt, wie dr Jesus uf Golgatha ads Chrüz gschlage wird u derby vom Volk u de römische Soldate verspottet wird. Am Schluss chunnts zum Gspräch zwüsche de beide Verbrächer und em Jesus, dene drüne wo sy chrüziget worde. Dr eint Verbrächer forderet Jesus uf, är als Messias söll mache, dass sie grettet wärdi vom Chrüz. Dr ander bittet:
Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!
Da druf antwortet Jesus mitem Zuespruch: Wahrlich, ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Paradies und die Bilder der Konfirmanden
1. Die Landschaft
Doch was isch das für nes Paradies, wo da drüber gredt wird? Ds griechische Wort Paradeisos bezeichnet ä Garte, e Park, wo viu Tier u Pflanze drin wachse. Im alte Orient hei sech das d’Chünige lah mache. Sie hei Gärte als Wild- und Jagdpärk aagleit. Paradeisos wird o für d’Bezeichnig vom Garten Eden bruucht, em Urbild vom Paradies am Aafang vo dr Bibel. Die Syte vom Paradies, die prächtigi Natur hei mir uf viune Bilder vorhär chönne bestuune: Bim Sunneuntergang mit ere zylete Schilfpflanze, wo d’Lucienne gwählt het oder ir Landschaft im Tessin vom Samuel, wo das Dörfli am Hang ganz vom grüene Wald umgäh füreglüslet. Das sy aber no nid alli Landschaftsbilder, wo mir vori gseh hei. Zum Grüen vo de Pflanze chunnt uf de meischte Bilder no ds Wasser derzue. O das chunnt im Garten Eden vor, äs git vier Paradiesflüss, wo usem Garte id Wält usefliesse. Die Kombination vo Pflanze u Wasser gseh mir dütlech bim Bärgbach vo dr Anna, em Wasserfall mit Rägeboge vo dr Sina u dr südfranzösische Landschaft vom Raphael, wo d’Piniewälder bis ads Meer fürechöme. Was isch’s äch, wo üs a settige Landschafte fasziniert, liebi Gmeind? Bi mir chunnt bim Aablick vo dene Landschafte es Gfüehl vo Rueh u Entspannig uf.
2. Die Gemeinschaft
Zum Paradies ghört aber nid nume e sogennant schöni Landschaft. Bi viune Bilder hei d’Konfirmande ergänzt, dass zum Paradies o Mönsche ghöre d’Fründe, d’Kolleginne oder d’Familie, süsch isch ds Glück nid vollkomme. Dä Beziehigsaspekt finde mir o im Garten Eden, däm erschte Paradies. Är isch nämlech dr Ort, wo Gmeinschaft entsteit. Dr Adam findet äs Gägenüber idr Eva. Die beide sy mit Gott per Du, Gott isch ihne dert unmittelbar Gägenüber.
Schön sy sie, die Vorstellige vom Paradies. Sy sie Tröim, wo für churzi Zyt, z.B. i de Ferie Realität wärde?

Burgdorf, das Paradies im Alltag entdecken
Dr Konrad füehrt üs mit sym Panoramabild vo Burdleff ufne neui Fährte. Ds Paradies isch nid wyt ewäg, sondern ganz nach. Zwar konzentriet sech o är uf d’Freizyt – aber we mir die vertroute Hügle u Hüser gseh, chöme mir u sicherlech ou öich, liebi Gmeind, nid nume paradiesischi Erläbnis i Sinn. Ds Bild vo Burdleff ermunteret üs, üsi Wünsch u Sehnsücht nachem Paradies z’übersetze i üses alltägleche Läbe. I persönlech möcht mitem Paradies nämlech o i mim Alltag öppis chönne aafah. Funktioniert äch das? Was het mi Alltag mitem Paradies z’tüe?
Das Paradies im Alltag: vier Aspekte, davon zwei neue
Was sy de d’Wünsch u Sehnsücht, wo ds Paradies uszeichne? Scho erwähnt hani d’Rueh u d’Gmeinschaft. Ds Paradies het aber no meh Syte. D’Aktivität u Konzentration bim Bewältige vonere Useforderig – o das hei mir gseh uf de Bilder: dr Ball, wo nachem Wurf dür d’Luft flügt im Bild vom Lukas, dr Uftritt vomne Blasmusikorchester bim Marco oder em Wälleritter vom Janis.
Die vier Aspekte auf dem Weg des Glaubens
Dadermit hei mir vier Aspäkte: D’Rueh u d’Gmeinschaft d’Konzentration u d’Aktivität. Sie begägne üs o ufem Wäg vom Gloube.
Gemeinschaft
Zersch zur Gmeinschaft, sie steit am Aafang. In Jesus Chrischtus isch Gott üs Mönsche ufne neui diräkti Art nach cho. Gott isch Mönsch worde, ds Geheimnis vo Wienachte. Jesus het verkündet, das ds Riich vo Gott chunnt. Drum het är d’Mönsche glehrt, wie sie nachem Wille vo Gott chöi handle. Ds höchste Gebot isch für ihn ds Doppelgebot vo dr Liebi gsi:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
D’Liebi zu Gott chunnt ersch zum Ziel, wenn mir üs dene Mönsche zuewände, wo üs im Alltag begägne. D’Gmeinschaft mit Gott söll üs id Gmeinschaft mit üsne Mitmönsche füehre.
Konzentration und die darausfolgende Aktivität
I üsem Alltag mit sine vielfältige Ufgabe u Beschäftigunge ischs schwierig das Ziel immer vor Ouge z’ha. Drum bruuchts ufem Wäg vom Gloube o Konzentration. Mit Hilf vo Lieder u Gebät chöi mir üs bsinne uf das, wo üs im Läbe wichtig isch. Im Unser Vater finde mir d’Bitt um Vergäbig: und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Wenn mir üs da dra erinnere u das probiere umz’setze cha nöii Gmeinschaft entstah. E Striit cha sech entschärfe, we dr eint e unerwartete Schritt ufe ander zuegeit.
Im Taizé-Lied, wo mir vori gsunge hei, isch e wyteri Aaregig drin, uf was mir üs sölle konzentriere: The kingdom of god is justice and peace and joy in the holy spirit. Ds Riich vo Got isch Grächtigkeit und Friede und Fröid im heilige Geischt.
Ds Lied geit no wyter mit dr Bitt: Come Lord and open in us, the gates of your kingdom. Chumm Herr u tue in üs d’Tor zu dim Riich uf. Mir bitte Gott, dass är üs die Offeheit schänkt, dass mir sensibel wärde für Herrschaft vo siner Liebi. Dä Ufruef chunnt o i nes paar Konfsprüch vor, wo mir bim Konfirmationsakt wärde ghöre. D’Momänte vo dr Konzentration hälfe üs, dass mir chöi aktiv wärde für ds Riich vo Gott, für meh Friede u Grächtigkeit a däm Ort, wo mir läbe. Das isch dr aktiv Teil vom Wäg vom Gloube.
Die Beruefig bekräftige u fiire mir i dere Konfirmation. Dir, liebi Konfirmandinne u Konfirmande syt beruefe zur Mitwürkig a däm Gottesriich.mit eurer Härzlechkeit u mit eurer Liebi.
Vom Segen oder der Kraft zur Ruhe (des Empfangens)
Daderzue wird euch dr Säge vo Gott zuegsproche i dr hütige Fiir. Dr Sääge isch Gottes Verspräche, dass är öich begleitet uf öiem Läbeswäg. Grad jetz, wo viu Nöis uf öich wartet. Gli scho wärdet dir amene nöie Arbeitsplatz stah oder i ne neui Schuel ga. Bi dene Useforderige syt dir aber nid uf euch sälber gstellt. Dr Sägenszuespruch söll öich bewahre, vor dr Überforderig alles sälber müesse zwägzbringe im Läbe. Vertrouet o druf das euch öppis zue-fallt. Für das bruuchts Zyte vor Entspannig, vo dr Rueh. So ne Momänt hei mir uf dr Foto vo dr Renée gseh. Dr Hund, wo ufem Stuehl d’Sunnestrahle gniesst. Är empfangt die wärmende Sunnestrahle amene süsch küehle Wintertag.
Dr Läbeswäg cha nach dr Konfirmation ganz verschiedeni Wändige näh. I zum Biispil bi vor zäh Jahr konfirmiert worde u ha am Gymnasium ds Thun aschliessend e Matur mitem Schwärpunkt Wirtschaft u Rächt gmacht. Das es einisch e Theolog oder gar e Pfarrer us mir würdi gä, hani bi minere Konfirmation no nid gwüsst. Dr Wäg vom Gloube het denn für mi bedütet, dass mis Läbe e Plan het, woni versueche z’entdecke. Da derby hälfe üs die vier Aspäkte vom Paradies, wo mir mit dr Hilf vo eune Bilder, liebi Konfirmandinne u Konfirmande, entdeckt hei: d’Gmeinschaft, d’Konzentration, d’Aktivität u d’Rueh.

Amen.

Montag, 2. März 2009

Predigt vom 1.3.09 zu Matthäus 4,1-11: Die Besinnung in der Wüste

Und nach dem Abendessen sagte er
Lass mich noch eben Zigaretten holen gehn
Sie rief ihm nach nimm dir die Schlüssel mit
Ich werd inzwischen nach der Kleinen sehn
Er zog die Tür zu ging stumm hinaus ins neonhelle Treppenhaus
Es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit
Und auf der Treppe dachte er
Wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär
Ich müsste einfach gehn
Für alle Zeit, für alle Zeit….
Hier am Anfang des Lieds „Ich war noch niemals in New York“ singt Udo Jürgens von einem gutbürgerlichen Mann mit Frau und Kind den es plötzlich in die Ferne zieht. Am Anfang dieser Versuchung steht die Sehnsucht nach neuen Erlebnissen, nach neuen Erfahrungen.
Wie ist der Weg Jesu in seine Versuchungen? Er wurde vorher von Johannes dem Täufer im Jordan getauft und erfuhr da die Zusage von Gott: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich wohlgefallen.“ Dann wird Jesus in die Wüste geführt, vom Geist. Die Wüstenzeit gehört folglich zu seinem Leben als Gottessohn. Auch während seiner Verkündigungstätigkeit zieht er sich immer wieder zurück ins Gebet und sucht die Gemeinschaft mit dem Vater. Bevor er also mit seiner Verkündigung beginnt, richtet er sich für die heilige Zeit von vierzig Tagen auf Gott aus. Aber wozu nimmt er diese Herausforderung, vierzig Tage ohne feste Nahrung, auf sich? Es macht ihn wohl nicht nur verletzlicher, sondern auch sensibler und bereitet ihn so auf seine kommende Aufgabe hin, die ihn bis ans Kreuz führen wird.
Diese scheinbare Angreifbarkeit will der Widersacher nützen und erscheint bei Jesus am Ende seiner Fastenzeit.
Mit der ersten Versuchung, Steine in Brot zu verwandeln, will er die Gunst der Stunde nützen. Doch Jesus weiss, dass der Mensch zum Leben nicht nur auf das Brot aus dem Getreide des Feldes angewiesen ist, sondern auch auf das Wort aus dem Munde Gottes. Dieses Wort kann meiner Meinung nach verschiedene Gestalten annehmen, sei es als Bibelwort, als Wort eines Mitmenschen, als eingegebener Gedanke oder vielleicht als Bild im Traum. Die Lebensnotwendigkeit drückt sich auch im Lied aus, das wir vorher gesungen haben, in dem das Verlangen des dürstenden Hirsches mit der Sehnsucht nach Gott parallelisiert wird.
In der zweiten Versuchung soll Jesus Gottes Güte testen. Das Vertrauen in Gott wäre demnach nicht unbedingt. Gottes Fürsorge würde funktionalisiert. Der Wellness-Gott könnte dann nach Bedarf konsultiert werden. Die Realität Gottes entzieht sich aber einer solchen Kontrolle.
Die zwei ersten Versuchungsaufforderungen beginnen mit „Wenn du der Sohn Gottes bist…“
Die gewünschten Handlungsweisen entsprechen aber nicht dem Verständnis das Jesus in seiner anschliessenden prophetisch-messianischen Tätigkeit an den Tag legt. Jesus kennt seinen Auftrag und seine Identität nicht zuletzt dank dem Zuspruch in der Taufe. Dieser Zuspruch der Taufe, verwandelt sich im Angesicht der Versuchung zum Anspruch den es zu bestätigen gilt. Auch für uns als Getaufte Christen gilt also die Aufforderung „Werde was du bist, ein Sohn oder eine Tochter Gottes“.
In der dritten Versuchung will der Widersacher den Gottessohn von seinem Weg ans Kreuz abhalten und bietet ihm eine Alternative an, wie er die Herrschaft über die Welt erhalten könnte. Diese Versuchung rechnet damit, dass man nicht von Gott allein das Gute erwartet und der Lüge nachgibt, da es sich ja letztlich um das Versprechen eines Machtlosen handelt. Die Herrschaft ist nicht auf teuflische Weise erreichbar. Diese erkennt Gott und die eigene Begrenztheit nicht an.
Und wir? Führt unser Weg auch in die Wüste und die Versuchung?
Schon die frühchristliche Gemeinde erlebte die Versuchung als reale Situation im Leben eines Christen. Im 2. Petrusbrief lesen wir: Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.
In unserem Leben ist die Lage nun nicht so eindeutig wie in der Versuchungsgeschichte des Matthäusevangeliums, hier der gottgesandte Jesus, da der teuflische Widersacher. Ich muss zuerst einschätzen mit wem ich es zu tun habe. Wem kann ich vertrauen? Wer ist mir wohlgesinnt und wer verhält sich mir gegenüber nur opportunistisch? Welchen Versprechungen darf ich glauben? Wem schenke ich meine Aufmerksamkeit?
Und wo liegen die konkreten Versuchungen? In meinen Hoffnungen, die sich als Fata Morgana erweisen? In meiner Bequemlichkeit, Trägheit oder Selbstgenügsamkeit? Vielleicht in der Gewohnheit und Zerstreuung oder der Furcht den vermeintlich einfacheren Weg zu wählen und ein unangenehmes Gespräch oder eine schwierige Aufgabe zu verdrängen..
Jetzt werfen wir noch einen Blick auf den Schluss des Lieds „Ich war noch niemals in New York“.
Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverstaendlich heim
Durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spiessigkeit
Die Frau rief "Mann, wo bleibst Du bloss, Wetten Dass mit Gottschalk geht gleich los"
Sie fragte "War was ?" - "Nein, was soll schon sein."
Der Mann im Lied zeigt Stärke, indem er nicht aus der Verantwortung flieht. Es bleibt aber ein deprimierender Eindruck zurück. Er bleibt nämlich passiv, weil er den Raum nicht gestaltet, in dem er lebt. Wie wärs wenn der Mann im Lied von Udo Jürgens aufs Fernsehen oder die Zigaretten verzichtete. Was würde er mit der gewonnenen Zeit oder dem gesparten Geld anfangen? Würde er neue Aufmerksamkeit und Achtsamkeit finden für seine Familie, ihre Wünsche, Freuden und Leiden und so zu einer tiefergehenden Beziehung zu Frau und Tochter kommen?
In unserer Alltäglichkeit ist es oftmals nicht einfach, dem Göttlichen auf die Spur zu kommen. Die Alltäglichkeit oder vielleicht besser gesagt die Gewohnheit kann die Sicht auf Gott verdecken. Deshalb bieten solche Vorbereitungszeiten wie die Passionszeit eine Chance Gott zu ent – decken, indem ich mich empfänglicher und freier mache. So sich selber, andere Menschen und die Welt neu oder anders denken. Dazu rufen uns auch die beiden Aktionen auf, die heute starten. Die Welt anders denken, dazu regen die Hilfswerke Brot für alle und Fastenopfer an mit ihrer Agenda zur Passions- und Fastenzeit und dem Motto Weil das Recht auf Nahrung ein gutes Klima braucht. Das Titelbild zeigt wie die Welt gemessen an der Nahrungsmittelversorgung eigentlich aussähe, Südamerika und Afrika sind folglich sehr schmal gehalten. Die Agenda finden Sie in ihrem Briefkasten.
Die zweite Aktion wurde vom Blauen Kreuz initiiert. Sie regt zu einem TimeOut an und ruft zu lohnendem Verzicht auf. Für ein bis 6 Wochen kann man auf eine alltägliche Gewohnheit (sei es das Feierabendbier, Gamen, Handy, Internet, Kaffee oder der Musikplayer) verzichten und dadurch frei für anderes werden. Das Informationsblatt zu dieser Aktion ist ihrem Gesangbuch beigelegt. Auf der Titelseite sehen Sie das Symbol für diese Aktion, eine zitternde Maus, die vor ihrem Bildschirm am Videospielen ist.
Zurück zu Jesus, wie geht es mit ihm weiter? Nachdem der Satan ihn verlassen hat, kommen nun die Engel und versorgen ihn. Damit wird die Behauptung der zweiten Versuchung widerlegt, dass Jesus das Eingreifen Gottes hätte provozieren sollen.
Nachdem Jesus die Wüste verlassen hat, beginnt er mit der Verkündigung der frohen Botschaft von der Nähe der Gottesherrschaft: Ändert euer Leben! Denn das Himmelreich wird sichtbar in der Welt.
Auf diesem Wort gründet auch die erste der 95 Thesen Martin Luthers: Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort: Tut Busse denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!, dass das ganze Leben der Gläubigen Busse sei.
Dieser Weg des Glaubens, der Weg hin zu Gott, führt uns in der Nachfolge Christi durch die Versuchung, dabei können wir aber die Zusage des Auferstandenen Jesus für uns in Anspruch nehmen: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.“ Mt 28,18
Amen.

Predigt vom 8.2.09 Matthäusevangelium 20,1-16: Die Arbeiter im Weinberg

Gott beschäftiget üs, das isch ds Motto vo dr hütige Predigt, wie igs im Anzeiger ha la aakünde, liebi Gmeind.

Gott beschäftiget üs i mehrfachem Sinn. Jitz grad mit sym Gschänk a üs, die ghörte Wort us dr Bibel. Ds Glychniss, wo mir zäme aaluege das het mi di Wuche stark beschäftiget u wird mi o witerhin beschäftige, so vielfältig isches nämlech. Einisch düreläse längt da nid. Mir heis mitere metaphorische Red über d’Realität z’tüe. Was ghört id Wält vom Glychnis u was let sech i üses Läbe hie ir Gägewart übertrage? Wär ei müglechi Frag. Bietet das Glychnis vo de Arbeiter im Wybärg u vom güetige Landbsitzer öppe gar e Lösig gäge drohend wirtschaftlech Abschwung?

Da müesse mir zersch genauer häreluege, was dr Jesus hie sine Jünger verzellt. Jesus beschribt e gwöhnleche Tag i dr Zyt vor Ärnti u verglicht dä mit em Himmelrich, wie mirs ir Läsig ghört hei, das isch ds Rich vo Gott, d’Herrschaft vo Gott, wo Jesus verkündet u i sine Tate bezügt het. Äs geit da um die Herrschaft, wo mir Gott im Unser Vater Gebät drum bitte, we mir säge: Dein Reich komme.

Stige mir ii am Afang vom Glychnis. Äs isch Ärntezyt u drum stellt dr Landbsitzer Taglöhner aa, dass die grossi Arbeit cha bewältiget wärde u d’Ärnti müglechscht schnäll cha iibracht wärde, bevor ä Wätterumsturz chunnt oders chunnt cho hagle.

Scho früeh am Morge, öppe am 6i geit dr Landbsitzer uf d’Suechi. Är handlet mit de Arbeiter dr Lohn us u sie einige sech ufne Lohn vo eim Denar. Das isch i dere Zyt dr gängig Lohn für ei Tag Arbeit gsi.

I däm erschte Teil begägne üs zwöi Symbol d’Zyt vor Ärnti u dr Wybärg als Ort, wo d’Arbeiter häregschickt wärde. Vo dr Ärntezyt redt Jesus, wo-n-är sini Jünger usschickt, dass sie sys Evangelium vo dr Gottesherrschaft id Wält usetrage.

36 Als Jesus aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. 38 Bittet nun den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter aussende in seine Ernte! Matthew 9:36 - 10:1

Dr Wybärg isch ä Bezeichnig fürs Volk Israel, so hei mirs i dr erschte Läsig usem Buech Jesaja ghört. Gott isch dr Winzer, wo sys Volk hegt und pflegt. Ähnlech isch dr Uftrag a d’Jünger. Sie sölle d’Fürsorg vo Gott de Mönsche in Wort und Tat bezüge u so dr Wybärg pflege, das isch ds Gottesvolk.

Üse Wybärgbsitzer isch usdurend u beharrlech, är geit nämlech o am 9i am morge, am 12i u am drü am Namittag wieder ufe Märitplatz ga luege für Arbeiter u är findt ere wieder. Sie stöh unnütz ume.

Dasmal wird nüme verhandlet übere Lohn, dr Wybärgbsitzer verspricht ihne eifach, dass är sie grächt tüengi entlöhne. D’Arbeiter müesse also vertroue zu ihm ha, was sech ja am Schluss für sie uszahlt.

Schliesslech geit är ei Stund vor Arbeitsändi nomau ga luege, anschiinend het är nid aui chönne überzüge, dass si zu ihm i Wybärg chöme. Zum zwöite Mal wärde die wo da umestöh als untätig und unnütz bezeichnet. Sie bringe ke Frucht, so wie dä Wybärg vom Jesaja. D’Lüt ufem Marktplatz sy Taglöhner ohni eigets Land, süsch wäre sy ja itz uf ihrem Stück Land am Ärnti iibringe.

Dr Wybärgbsitzer het äuä o no nie öppis vo dr Sockelarbeitslosigkeit ghört. Das isch d’Aanahm, dass äs immer e Prozentsatz vo Lüt git, wo arbeitslos bliibe. Är findets schad, dass die Lüt eifach dr ganz Tag ufem Marktplatz umehocke. O sie sölle ihri Chance übercho, o wenn sie nume no ei Stund i Wybärg chöi ga schaffe. Allerdings heissts im Text nüt, öb dr Wybärgbsitzer ihne beträffend em Lohn öppis verspricht. Wieso die Letschte nid scho früecher uf das Arbeitsangebot iigstige sy bliibt offe.

Am 6i isch Fyrabe u den Arbeiter wird dr Lohn uszahlt, das sie ds Gäld hei für sech ihre Läbesunterhalt z’sichere. Erstunlecherwiis wärde zersch di Letschte uszahlt u sie überchöme gliich viu, wie die, wo scho am morge hei aagfange buggle u chrampfe. I würd säge, dr Wybärgbsitzer isch da strategisch schlächt vorgangen, wenn är hätti welle Striitigkeite verhindere. Aber är provoziert so d’Reaktion vo dene, wo z’Gfüehl hei sie syge z’churz cho.

Doch dr Wybärgbsitzer het sech scho öppis überleit u konteret d’Vorwürf vo de Früehufsteher. Sie hei dr Lohn übercho, wo abgmacht isch gsi u dr Räschte liegt im Ermässe vom Wybärgbsitzer, was är mit sym Vermöge macht. Gägenüber de Früehufsteher isch är grächt u gägenüber dä später Derzuegstossene isch är güetig.

Müglecherwiis hätti d’Ärnti nid vollständig chönne iibracht wärde, wenn nid vom 5i bis em 6i no Lüt wäre derzue cho! Das isch aber mini persönlechi Vermuetig u steit nid im Text.

Äs isch e Frag vor Perspektive, ob dr glich Lohn für beidi grächtfertiget isch. Drum seit dr Wybärgbsitzer wörtlech zu däm wo usrüeft: Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?

Wenns nume um die persönlechi Leischtig vo jedem Einzelne gange wär, wäri dr Lohn entsprächend den Erwartige vo de Früeufsteher usgfalle. Dr Wybärgbsitzer het aber müglechst viu Lüt bi sich welle beschäftige u ne glichzytig ä Lohn gä, wo ihri Existänz sicheret.

Zum Schluss betrachte mir z’Glychnis no vo usse här. Mir läbe im 21. Jh. u nume no zumene chline Teil Tagelöhner.

Was chöi mir uf üs übertrage us däm Glychnis?

Äs geit im Glychnis um Herrschaft vo Gott i üsem Läbe und nid umenes ökonomisches Arbeitskonzept. Was heisst Herrschaft vo Gott i üsem Läbe? Das isch für mi e Frag vo dr Usrichtig vom eigete Läbe. Im reformiert vom Februar seit dr Beda Stadler, Immunolog am Inselspital Bärn imene Interview: Ich stehe täglich auf und danke der Evolution, dass ich da bin.

U das het für mi anderi Konsequänze als wenn ig am morge ufstah u nes Unser Vater tue bätte. I versueche, mi am Biispil vo Jesus und em Handle vo Gott z’orientiere. D’Wärtschätzig und Beharrlechkeit de Mönsche so entgägezbringe wie dr Wybärgbsitzer u dermit rächne, dass Gott mi derzue unterstützt. I möchti versueche sini Güeti a Tag z’lege, die Güeti wo über mönschlech ermässeni Grächtigkeit usegeit.

Zwöitens frageni mi, wie äch di Arbeiter, wo zu verschiedene Zyte iigstellt wärde z’verstah sy. I stelle mir vor, dass dä gschilderet Tag wie d’Läbeszyt vomene Mönsch isch. Dr eint geit früecher i Wybärg, vilech i junge Jahr u öpper isch ersch gäge Namittag, mit 50i oder 60i bereit, sech Gott zuezwände u zum Gedeihe vo dr christleche Gmeinschaft biiztrage. Äs git im Glychnis ke Erklärig, wärum die einte ersch so spät i Wybärg chöme oder was sie vorhär gmacht hei. Ds Gheimnis vom Gloube, blibt äs Gheimnis. I chume lieber chli später derzue als dass es so geit wie imene andere Glychnis, wo dr eint zersch seit är göngi i Wybärg u när glich nid geit. Da sägeni lieber nei u überlege mirs när nomau. Ob früeh oder später Derzuegstosseni, Gott liege aui am Härze u dörfe uf sini Fürsorg zelle. U die Früeche sölle sech nid über die Spätere erhäbe, sondern beidi sölle ihre gägesytig Wärt für di christleche Gmeind gseh.

Aber o wenni meine i sygi itz im Wybärg, muesi mi immer wieder kritisch frage: Bini würklech no im Wybärg am schaffe für Gott u sini Ziel oder bini wieder ufem Marktplatz glandet oder uf di früeche u späte Arbeiter gmünzt: Läbeni nume für mini Leischtig z’zeige oder leischteni mi Biitrag, dass Läbe cha entstah u sech entfalte o grad we Zuekunft schwieriger wird.

Amen.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Predigt zum 3. Advent über Jesaja 40,1-11

Kanzelgruss

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus

Amen.

Kanzelgebet

O barmherziger Gott, himmlischer Vater!

Da dein Wort für meine Füsse eine Lampe ist und ein Licht auf unserem Weg, deshalb bitten wir, du wollest uns durch Christus, der das wahre Licht der Welt ist,

unsere Herzen aufschliessen und erleuchten, dass wir deine Worte lauter und klar verstehen können und unser Leben danach gestalten.

Amen.

Lesung des Predigttextes aus dem Buch Jesaja, Kapitel 40, die Verse 1 bis 11

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu,

dass ihre Knechtschaft, ihre Erniedrigung ein Ende hat,

dass ihre Schuld abgetragen ist.

Denn sie hat genug empfangen für all ihre Sünden.

Eine Stimme ruft:

In der Wüste bereitet dem HERRN einen Weg!

Ebnet in der Steppe eine Strasse für unseren Gott!

Jedes Tal wird sich heben und senken werden sich alle Berge und Hügel.

Was krumm ist, wird gerade werden und was hügelig ist, wird eben werden.

Dann offenbart sich die Herrlichkeit des HERRN, alle Sterblichen werden sie sehen.

Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.

Eine Stimme spricht: Rufe! Und ich sage: Was soll ich rufen?

Alles Sterbliche ist wie das Gras und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Hauch des HERRN darüberweht.

Wahrhaftig, das Volk ist Gras!

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit.

Steig auf einen hohen Berg, du Freudenbotin Zion!

Erhebe deine Stimme mit Kraft, du Freudenbotin Jerusalem!

Erhebe sie, fürchte dich nicht!

Sprich zu den Städten Judas:

Siehe, das ist euer Gott. Siehe, da ist Gott der HERR!

Er kommt mit Kraft und sein Arm wird herrschen.

Siehe, was er gewann ist bei ihm,

und was er sich erwarb, geht vor ihm her.

Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer auf seinem Arm sammeln und sie an seiner Brust tragen und die Mutterschafe leiten.

Predigt

Liebe Gemeinde,

Die eben gehörten Trost- und Ermutigungsworte erklangen zum ersten Mal in Babylon. Deshalb lade ich Sie auf eine Zeitreise ins 6. Jh. nach Babylon ein.

Babylon liegt im heutigen Irak. Dort lebten im 6. Jh. vor Christus Juden. Die Babyonier hatten nämlich im Jahre 597 v. Chr. Jerusalem erobert und zehn Jahre später sogar zerstört und dabei den Tempel niedergebrannt, was die Israeliten in eine tiefe Glaubenskrise stürzte. Beide Male brachten die Babylonier den israelitischen König, Hof- und Tempelbeamte sowie Handwerker und Soldaten in die Nähe der grossen Stadt Babylon. Die Babylonier wollten so verhindern, dass diese ehemals einflussreichen Leute, sich wieder gegen die Grossmacht Babylon auflehnen würden.

Schauen wir uns nun, eine Familie im Exil in Babylon genauer an. Wir schreiben das Jahr 567. Familie Harim wohnt in Nippur, unweit der Stadt Babylon. Zusammen mit vielen anderen Israeliten. Harim, der Vater ist Baumeister. Er ist talentiert und hilft beim Bau von königlichen Gebäuden in der Hauptstadt Babylon. So hat er ausserhalb des Dorfes Arbeit. Obwohl die Israeliten eigentlich Fremde im Land sind, können sie sich ihren Lebensunterhalt sichern und einige sind sogar zu einem ansehnlichen Vermögen gekommen. Harim und seine Frau Zippora sind 30 Jahre alt, beide kamen im Jahr 587 nach Babylon. Ihre beiden Kinder heissen Nathanael, 10 und Sara, 8 jährig.

Werfen wir einen Blick ins Haus der Familie. Es ist aus Lehmziegeln gebaut. Die Räume gruppieren sich um einen Innenhof, eine Art Atrium. Es hat einen Wohn- und Kochraum, Vorratsraum und einen Stall für einige Schafe. Es ist später Nachmittag. Im Innenhof stehen die beiden Kinder Harims, Nathanael und Sara. Die beiden schauen gespannt in den dunkel bewölkten Himmel während die Mutter Holz auf das Herdfeuer legt. Da ruft Nathanael ermunternd„Jetzt gibt’s wohl endlich diesen Schnee, Mama! Oder hast du solch grosse Wolken hier schon gesehen?“

Die Mutter blickt auf. „Hier schneit es doch nicht. Es hat noch nie geschneit in den 20 Jahren seit ich hier bin. Ach, Kinder, ich hätte euch wohl besser nicht vom Schnee in Jerusalem erzählt. Ja, in Jerusalem schneit es. Zwar nicht jedes Jahr, aber wenn es schneit, dann kann viel Schnee fallen. Schliesslich liegt Jerusalem im Bergland von Judäa, auf 800 m ü. M.“ Die Mutter stockt. „Ach, Jerusalem. Als ich zehn Jahre war, musste ich dich schon verlassen. Warum? Ach, Gott warum bist du so fern? Warum schaffst du mir nicht recht?“

„Du weißt ja gar nicht, was Schnee ist. Du hast das noch nie gesehen,“ erinnert Sara Nathanael. Dieser lässt das nicht auf sich sitzen und entgegnet: „Doch, Mutter hat es uns ja erzählt. Schnee macht ganz viel Spass und man kann darin herumtollen oder damit Schneehütten bauen.“ „Ob das wirklich so lustig ist, dieser Schnee, so kalt und nass? Lass uns lieber nach den Schafen auf der Wiese schauen. Wir können sie mit Vater zusammen zurücktreiben. Jetzt regnet es nämlich noch nicht.“ Nathanael lässt sich schliesslich überzeugen und die beiden schlendern durchs Dorf der Weide zu.

Die Schafe grasen noch. Sie stören sich nicht am anklingenden Wetterwechsel. Doch wo ist der Vater? Sie gehen über die Weide. Keine Spur von ihm. Aber er muss doch hier bei seinen Schafen sein? Da entdecken die beiden etwas. Unten am Bach, unten am Bach hat sich eine kleine Gruppe von Menschen versammelt. „Dort liest Jochanan, der Schriftgelehrte aus einer Schriftrolle“, erkennt Sara.

„Die Männer hören ihm aufmerksam zu. Einige runzeln die Stirn, andere haben glänzende Augen“, bemerkt Nathanael als sie sich der Versammlung nähern.

Jetzt hören auch die beiden Kinder die Stimme des Schriftgelehrten:

„Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu,

dass ihre Knechtschaft, ihre Erniedrigung ein Ende hat,

dass ihre Schuld abgetragen ist.

Denn sie hat genug empfangen für all ihre Sünden.

Eine Stimme ruft:

In der Wüste bereitet dem HERRN einen Weg!

Ebnet in der Steppe eine Strasse für unseren Gott!

Jedes Tal wird sich heben und senken werden sich alle Berge und Hügel.

Was krumm ist, wird gerade werden und was hügelig ist, wird eben werden.

Dann offenbart sich die Herrlichkeit des HERRN, alle Sterblichen werden sie sehen.

Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.

Diese Worte hat uns der Prophet Jesaja geschenkt. Er gehört zu unserer Exilgemeinde in Babylon. Mehr möchte er nicht von sich preisgeben. Ihr wisst, die Babylonier wollen keine Aufrührer und Aufwiegler in ihrem Land. Bedenkt die Worte Jesjas. Wir können dann in der Sabbatversammlung darüber sprechen. Geht jetzt wieder eures Weges.“

Als der Kreis auseinandergeht, finden Nathanael und Sara ihren Vater Harim.

„Warum bist du hier unten und nicht bei den Schafen?“, fragt Nathanael mahnend. „Der Vater, weiss schon, wann er die Schafe allein lassen kann!“, verteidigt Sara ihren Vater, „Ausserdem, hat Jochanan von Jerusalem erzählt, dann muss es etwas Wichtiges sein.“

Hiram ist froh, dass er zuerst die Schafe zusammentreiben kann, bevor er auf Saras Ausspruch reagieren will. Er lässt sich die prophetischen Worte nochmals durch den Kopf gehen. Trost und Befreiung leuchteten ihm aus diesen Worten entgegen. Schöne Worte, doch sind es mehr als schöne Worte? Ja nach Jerusalem zurückgehen, den Tempel wieder aufbauen. Dann könnten wir der ganzen Welt zeigen, dass uns Gott nicht im Stich gelassen hat. Trotz unserer Untreue und dem Götzendienst.

„Komm, wir müssen los, noch finsterer können die Wolken wohl nicht werden!“ Diesmal ist es Sara, die ihr Pflichtbewusstsein zeigt. Harim hat seine Gedankenreise abrupt beendet. Jetzt ziehen die drei mit ihrer kleinen Herde nach Hause zu Zippora. Auf dem Weg kommt Harim dann doch noch auf die Prophetenworte zu sprechen. „Ja, Sara, du lagst richtig mit deiner Vermutung. Jerusalem ist für uns Juden sehr wichtig, auch wenn wir momentan hier in Babylon im Exil leben. Die Prophetenworte sind ein Zeichen von Gott. Er hat uns nicht verlassen und möchte uns trösten. Wir haben die Konsequenzen für unser Handeln genug ertragen müssen, jetzt soll eine neue Zeit anbrechen. Mit Gottes Hilfe beschreiten wir einen neuen Weg …“

„Den Weg nach Jerusalem, dort wo es Schnee gibt!“ meint Nathanael froh. „Nur nicht so schnell,“ bremst ihn Hiram, „morgen werde ich in Babylon mit dem Neubau eines Verwaltungsgebäudes beginnen. Das wird eine Weile dauern.“

Ja, liebe Gemeinde falls Sie sich beim Zuhören gefragt haben, ob es in Jerusalem wirklich schneit, kann ich es Ihnen bestätigen. Während meines Aufenthaltes in Jerusalem in den Weihnachtstage 2006 fegte ein regelrechter Schneesturm über die Stadt. Der Verkehr stand still. Die meisten Autofahrer hatten ja noch ihre Sommerpneu auf den Autos, denn einer solchen angekündigten Wetterprognose schenkten sie kaum glauben. Auch zu fuss wurde das Fortkommen für mich schwierig. So tat ich das der Situation angemessene und ging auf einen Apfelstrudel und einen Kaffee mit Schlagober ins österreichische Hospiz in die Wienerstube. Doch der Schnee draussen wurde höher und höher.

[gestrichener Teil, da die Predigt sonst zu lange geworden wäre ;-)

Was also da auf der Strasse passiert, das wissen Spediteure und Lastwagenfahrer besser als ich. Deshalb lese ich Ihnen aus dem Tagebuch eines Transporteurs:

Auf Dienstag und Mittwoch sind Temperaturen um den Nullpunkt sowie Schnee angekündigt. Die Autofahrer werden nun wieder die Garagen stürmen und die Winterpneu montieren lassen. Damit sind dann wohl wieder alle Garagen bis auf weiteres ausgebucht. Ein paar andere Autofahrer werden den Prognosen wohl keinen Glauben schenken und dann erst beim wirklichen Eintreffen des ersten Schnees die Garagen aufsuchen. Beim ersten Schnee jeden Jahres gibt es dann wohl wieder ein kleineres Chaos auf den Strassen, da viele immer noch mit Sommerpneus herumfahren und kleinere Unfälle bauen und die Strasse verstopfen.

Und wirklich am frühen Dienstagabend sanken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Nach 2..3 Stunden, so um 20 Uhr, begann es zuerst zu regnen und später zu schneien. Weil die Temperaturen bereits unter dem Nullpunkt lagen verwandelte sich der Regen auf der Strasse sogleich zu Eis. Es gab viele Unfälle und Blechschäden welche die Strassen verstopften. Die Räumfahrzeuge und Salzstreuer konnten die Strassen nicht mehr frei räumen weil so viele Fahrzeuge die Strassen verstopften. Dann setzte auch noch der Feierabendverkehr ein und das Chaos wurde komplett.]

Wie haben Sie den Schneefall in den vergangenen Tagen erlebt, liebe Gemeinde? Kam er für sie ebenso überraschend wie für die gerade genannten „ungläubigen“ Autofahrer mit ihren Sommerpneu? Oder ist der anfängliche Ärger verflogen beim Anblick der schneebedeckten Bäume mit ihren verzweigten Ästen und Zweigen. Hat die strahlende weisse Pracht in ihr Schlafzimmer geschimmert als sie am Morgen aufgestanden sind?

Auch Gott lässt seine Pläne für uns durchschimmern. Zugegeben nicht immer in der Strahlkraft der Botschaft eines Jesaja. Doch lassen wir sie auf uns wirken.

Jesaja fordert sein Volk auf, ihm einen Weg zu bahnen. Das ist anstrengend. Nicht nur im übertragenen Sinn. Sicherlich haben viele von Ihnen in den letzten Tagen die Schaufel oder die Schneefräse in die Hand nehmen müssen. Der Schnee versperrte die Strasse und die Menschen müssen ja auch arbeiten gehen- auch bei Wintereinbruch. Es hätte aber keinen Sinn gehabt, die Strasse zu räumen, wo niemand darauf erwartet wird. Für Jesaja hat das Wegbereiten zwei Seiten. Zuerst geht es darum, den Weg freizumachen für den der kommt. Ich schaffe Dinge weg. Das können Gewohnheiten, Ansichten, Einstellungen oder Zeiteinteilungen sein. Es sind Dinge, die mich vom zu Erwartenden trennen oder mich vergessen lassen, dass da jemand kommt. So schaffe ich eine gute Grundlage für die kommenden Begegnungen. Zu diesen Begegnungen gehört nach Jesaja zweitens die

Zu-wendung. Der Mensch soll sich bewegen, er soll sich hinwenden zu dem, der kommt. Der Mensch soll sich auseinandersetzen und befassen- eben vor-bereiten auf das Kommende.

Das können in Advent und Weihnachten der Schnee, liebe Menschen, verwandte Menschen, fremde Menschen und eben Gott sein.

Und da unsere Kräfte beschränkt sind, können wir uns dieses Vorbereiten zwar vornehmen, aber aus eigenen Kräften bewältigen- gerade wenn wir Gott empfangen möchten- das ist kaum vorstellbar. Deshalb dürfen wir auf Gott vertrauen wie wir dies im Lied „Wie soll ich dich empfangen“ gesungen haben: „O Jesu, Jesu, zünde mir selbst die Fackel an, damit mein Herz ergründe, was dich erfreuen kann.“ Wir können Jesus unsere Fackel hinstrecken. Aber die Fackel entzünden das ist Gottes Geschenk an uns.

Im Advent bahnt sich also etwas an.

Wie ist nun der Weg von Familie Harim verlaufen?

Im Jahre 539 hat der Perserkönig Kyros die Babylonier besiegt. Darauf hat er den Juden in Babylon erlaubt, nach Jerusalem zurückzukehren. Nicht alle kehrten zurück, denn sie hatten sich ja in Babylon gut eingerichtet. Doch bei den Rückkehrenden war die Freude riesengross, wie uns folgender Psalmabschnitt erspüren lässt:

Psalm 126:1-2 Als der HERR die Gefangenen Zions zurückbrachte, da waren wir wie Träumende. 2 Da war unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Jubel; da sagte man unter den Heiden: «Der HERR hat Großes an ihnen getan!»

Im ersten Teil der Geschichte befanden wir uns im Jahr 567. Familie Harim erwartete diesen Moment also noch 30 Jahre. Zippora und Harim, mittlerweile 60 jährig, Sara 38 und Nathanael 40 jährig. Sie haben Jesaja nicht vergessen und als sie nach einer beschwerlichen Rückreise die Stadt Jerusalem betreten, sagen sie voller Dankbarkeit: Seht her, Gott hat uns zurückgeführt in unsere Heimat, Halleluja! Ob Nathanael in Jerusalem den Schnee erleben konnte, weiss ich nicht. Familie Harim hat in Jerusalem mit Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot zu kämpfen, aber sie weiss sich geborgen in Gott.

So haben sich diese Trost- und Ermutigungsworte bewahrt und sind bis zu uns überliefert worden, damit sie uns trösten, unsere Hoffnung festigen und unsere Liebe zu Gott und den Mitmenschen stärken. Der Prophet erinnert uns daran, anstatt auf Gott zu warten, Gott aktiv zu erwarten, im Advent, zu Weihnachten und im neuen Jahr, denn seine Zusagen hält er gewiss.

Amen.